Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, unverfälschte Historiografie in Fachbüchern, wissenschaftlichen Arbeiten, Archivmaterial oder in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln aus der jeweiligen Epoche nachlesen zu können – eine Fehlannahme, wie ich bereits als geschichtsinteressierter junger Erwachsener feststellen musste.
Hatte man sich zum Beispiel zu einem Thema mit den Memoiren historischer Zeitzeugen beschäftigt, sogenannter Primärliteratur, verschwieg die Sekundärliteratur zum identischen Thema diese als Augenzeugenberichte einzustufenden Quellen komplett. Selbst unter Berücksichtigung der durchaus begründeten Einschätzung, dass viele Memoiren der Rechtfertigung des eigenen Handelns dienen, dürften sie in einer objektiven Quellenauswertung -ggf. mit kritischer Einordnung- trotzdem nicht unterschlagen werden.
Was hatte man mir im Laufe der Jahre nicht alles an Falschem untergejubelt, das ich und andere für wahr halten sollten
Hier ein kurze, unvollständige Auflistung:
- Da war die „Stunde Null“, der Mythos vom völligen deutschen Neuanfangs im Jahre 1945, der die Kontinuitäten aus der NS-Zeit in Politik, Justiz, Verwaltung und Eliten übertünchen sollte.
- Ein weiteres Beispiel sind die Lügen in der Barschel-/Engholm-Affäre, die als Schmutzkampagne begann und durch ein später berühmt gewordenes „Ehrenwort“, Vertuschung, Meineide und verdeckte Zahlungen zu einer Staatsaffäre wurden.
- Die Lüge über einen Angriff nordvietnamesischer Schnellboote auf US-Kriegsschiffe im Golf von Tonkin, die von den USA erfunden wurde, um den Vietnamkrieg eskalieren zu können.
- Da war die, auch von Menschenrechtsorganisationen verbreitete Brutkastenlüge, eine erfundene Gräueltat um eine US-Intervention im Irak zu befeuern.
- Gefolgt von einer 13 Jahre später vorgebrachten Lüge über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak, um ein erneutes militärisches Vorgehen im Irak zu legitimieren.
Viele dieser „Wahrheiten“ wurden von oberflächlich oder leichtgläubig agierenden Politikern und folgsamen Wahrheitsverkäufern übernommen, hatten enorme, größtenteils weltbewegende Konsequenzen und endeten in zum Teil noch heute andauernder tödlicher Gewalt.
Aufgedeckt wurden diese Lügen meist nicht von Journalisten, sondern von sogenannten Whistleblowern, die im öffentlichen Interesse Missstände oder illegale Handlungen an die Presse weiterreichten die diese dann -nicht selten mit dem mehr oder weniger subtilen Hinweis auf ihre erbrachte journalistische Leistung dabei- publik machte.
(Zur Ehrenrettung mancher Redaktionen soll hier nicht verschwiegen werden, dass manche Leaks aufgrund staatlichen Drucks, einem Mix aus Repression, Geheimhaltungsvorgaben und Einschüchterung nicht veröffentlicht wurden. Und vermutlich auch weiterhin werden. Prägnantes Beispiel: 2013 wurde die Redaktion des britischen „Guardian“ öffentlich von der Regierung unter Druck gesetzt, kein weiteres Snowden-Material zu veröffentlichen und die diesbezüglichen Datenträger zu vernichten. Diese beinhalteten u.a. umfangreiche NSA-Datenerhebungsinitiativen)
Ähnlich gelagert, jedoch nicht als Lügen zu bezeichnen, sind die jährlich falschen, zumindest missverständlich formulierten Meldungen am Jahrestag der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vom 11. März 2011 an der Nordostküste Japans. Dieses Tōhoku genannte Seebeben forderte insgesamt etwa 18.500 Todesopfer. Am wuchtigsten getroffen wurde dabei die Hauptinsel Honshū und dort besonders die Küstenortschaft Ishinomaki. Doch nach einer „Katastrophe“von Honshū“ oder der „Katastrophe von Ishinomaki“ sucht man in den Meldungen zum Jahrestag vergeblich.
Stattdessen fand und findet man folgende Überschriften und Texte zu einer NUKLEAR Katastrophe: „15 Jahre nach der Atom-Katastrophe von Fukushima“ – „Es war die größte nukleare Katastrophe seit Tschernobyl im Jahr 1986“, „Es war das schlimmste Atomunglück seit der Tschernobyl-Katastrophe von 1986, etwa 18.500 Menschen kamen ums Leben“ oder „Wir gedenken der Opfer der Katastrophe von Fukushima“.
What the heck ist in Fukushima passiert? Gab es dort Todesopfer?
Antwort: Nein, gab es nicht!
Jedoch überspülten Tsunamiwellen die Schutzmauer eines dort an der Küste stehenden Atomkraftwerks und lösten damit in 3 Reaktorblöcken eine Kernschmelze aus. Ein sogenannter Supergau, jedoch weder Strahlen- noch andere Todesopfer!
Warum bezeichnen „Journalisten“ diese Naturkatastrophe jährlich aufs Neue als Katastrophe von Fukushima? Und als ob diese Fehlbezeichnung noch nicht genug wäre, verknüpft man die anderen Orts zu beklagenden Todesopfer mit nichtexistierenden Todesopfern in Fukushima?
Ist das Dummheit, Unvermögen oder ideologisch motivierte Absicht?
Darüber kann man nur spekulieren. Nachrichtenjournalisten neigen zu griffigen, einprägsamen Begriffen. In Kombination mit einer subtilen Hofierung bestimmter politischer Interessen – in diesem Fall „Atomkraft ist böse“ – werden eben auch diskreditierende Muster bedient. Wenn jetzt noch Nachrichtenverkäufer aus den seichten Stellen des Genpools dazukommen, die die tatsächlichen Geschehnisse nicht erfassen können und/oder einfachheitshalber einmal perpetuierte Schlagwörter in Endlosschleifen fortschreiben- oder senden (beim „Tian’anmen-Massaker“ werden wir erneut darauf stoßen), werden Hergangsbeschreibungen zu inhaltsleerem Geschwätz.
Nach diesem kurzen Ausflug in die Welt der Lügen und Zweideutigkeiten kehren wir zum Kern des Artikels und der Geschichtsverzerrung hinsichtlich des „Tian’anmen-Massakers“ zurück.
Mit fortschreitender Etablierung des Internet gestaltete sich die Suche nach sachlich-objektiven Schilderungen und Beobachtungen nicht besser, sondern zunehmend schwieriger. Originalquellen wurden plötzlich schwer oder durch Depublizierung gar nicht mehr zugänglich, Fakten mittels Glaubensrichtungen, Meinungen oder Ideologien vernebelt und in Narrativ-Mühlen zerrieben. In neuerer Zeit werden sie durch sogenannte Faktenchecks und ständiges Wiederholen einer politisch gerade opportunen Wahrnehmung angepasst und als universelle Wahrheit gemäß einem sozialen Rahmen verbreitet.
Bei meinem Interesse hinsichtlich geschichtlicher oder politischer Sachverhalte ging es mir nicht um die Erlangung eines profanen nutzlosen Wissens wie der Feststellung, dass der Spruch „Sauer macht lustig“ einem Übersetzungsfehler geschuldet war, der ursprünglich „“Sauer macht gelüstig“ lautete und auf das Appetitanregende saurer Speisen hinweisen sollte.
Meine Triebfeder bestand darin, geschichtliche Vorgänge breiter erfassen zu wollen, einige bei mir hervorgerufene Irritationen hinsichtlich den lückenhaften Auseinandersetzung mit der neueren Geschichte in meinen Schulbüchern, den offiziellen politischen Einlassungen und erkennbar propagandistisch und mit Scheuklappen versehenen Artikeln gegenüber ausräumen zu wollen.
Dem Zitat aus Goethes „Faust“, „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“, kann man getrost, wie ich gleich zeigen werde, den Ausspruch „Papier ist geduldig“ entgegensetzen.
Das Beispiel des „Massakers auf dem Tiananmen-Platz“ im Juni 1989 in Peking zeigt, dass man zur Pervertierung von Primärliteratur heute im sogenannten Informationszeitalter mittlerweile nur noch verantwortungslose Journalisten als Wahrheitsverkäufer braucht, die Behauptungen nicht aus unmittelbarer Beobachtung schreibend, sondern aus Hotelzimmern heraus Gerüchte und Hörensagen als Erstnarrative kolportieren. Deren Angaben zufolge wurden demonstrierende Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens brutal niedergeschossen und von Panzern überrollt.
Wie sich diese von bornierten, unverantwortlich arbeitenden Nachrichtenverkäufern eingeführte „Medienlegende“ entgegen dem aktualisierten Forschungsstand über Jahre verfestigte, zeigt eine knapp 30 Jahre später verfasste „Masterarbeit“ im Fachbereich Internationale Beziehungen an der Harvard-Universität vom Mai 2018: „…… unbewaffneten Demonstranten standen rund 200.000 Soldaten gegenüber, die mit Sturmgewehren und Panzern bewaffnet waren. Die Offensive verwandelte den Platz des Himmlischen Friedens in ein schreckliches Blutbad mit einer auf Tausende geschätzten Zahl von Todesopfern“.
Wie wir noch sehen werden, kann man diesen Teil der „Master“-Arbeit allenfalls als Mix aus intellektueller Oberflächlichkeit, fehlender Recherchefähigkeit und abseits aller bei einem Masterstudium geforderten wissenschaftlichen Standards, nur als ungeprüftes Nachplappern einer im „Fachbereich Internationale Beziehungen“ eventuell erwünschten politisch opportunen Erzählung werten.
Hätte ich nach meiner Chinareise im Frühjahr 2025 einen Reisebericht verfasst, in dem ich beschrieben hätte, wie ich zwischen der „Chairman Mao Memorial Hall“ (Mao-Mausoleum) und der „Großen Halle des Volkes“ neben dem „Denkmal für die Helden des Volkes“ auf dem „Tian’anmen-Platz“ stand und dabei noch die Spuren des schrecklichen Massakers auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ erkennen konnte, wäre dies von der großen Masse der Mainstream-Gläubigen in Deutschland vermutlich nicht infrage gestellt worden. (Siehe die mit KI erstellte Titelbildfiktion)
Denn dieses aus Gerüchten, Mutmaßungen und Hörensagen konstruierte „Massaker auf dem Tiananmen-Platz“ hat sich offensichtlich im kollektiven westlichen Gedächtnis festgesetzt und sich sogar, wie kurioserweise die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ in völliger Verkennung ihres monothematischen Stiftungsauftrages zum „Tian’anmen-Massaker“ auf ihrer Website unter der Rubrik „Recherche“ schreibt, „ins kollektive Weltgedächtnis eingebrannt“.
Doch gab es überhaupt ein Massaker auf dem „Tiananmen-Platz“?
Folgt man der Quellenlage und dem aktuellen historischen Forschungsstand gibt es zu dieser spezifischen geschichtlichen Fragestellung nur eine Antwort:
Nein, es gab kein „Tian’anmen-Massaker“ auf dem Platz!
Aber nur sehr wenige der Korrespondenten, die damals nicht einmal von vor Ort berichtet haben, wollten ihre Fehlinformationen mit Korrekturartikeln richtigstellen.
Was es zweifelsfrei gab, waren Todesopfer in Folge eines mit militärischen Mitteln niedergeschlagenen Studentenprotests in der Innenstadt und auf den Zufahrtsstraßen zum Platz in Peking. (Die genaue Zahl der Opfer ist umstritten. Wie immer in Fällen, in denen „offizielle“ Angaben fehlen, schwanken Opferzahlen, je nach ideologischer Ausrichtung der Quelle, zwischen einigen Hundert und einigen Tausend)
„Es gab kein Massaker auf dem Tiananmen-Platz, aber es gab ein Massaker in Peking“, schrieb der Journalist James Miles, zur fraglichen Zeit BBC-Korrespondent in Peking, rückblickend am 2. Juni 2009 auf BBC News. „Wir haben die Geschichte im Großen und Ganzen richtig wiedergegeben, aber bei einem Detail haben ich und andere einen falschen Eindruck vermittelt. Es gab kein Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.“
Dieses Eingeständnis, später übereinstimmend und unabhängig voneinander in Augenzeugenberichten von denjenigen ausländischen Beobachtern und westlichen Journalisten geteilt, die sich bis zur Räumung auf dem Platz aufhielten, scheint man, so zumindest die aktuelle Berichterstattung deutschsprachiger Medien (HIER, HIER, HIER oder HIER), nicht zu kennen. Obwohl man sie als Nachrichten Journalist kennen müsste. Vor allem, wenn man in Abgrenzung gegenüber den jenseits des Mainstreams publizierenden Medien das Gebot der „journalistischen Sorgfaltspflicht“ gebetsmühlenartig für sich in Anspruch nimmt.
Hatte doch die Enthüllungsplattform „WikiLeaks“ von Julian Assange ab 28.11.2010 auch die vertraulichen Depeschen der US-Botschaft in Peking veröffentlicht. In denen wurde sowohl über die Studentenproteste, die Vorkommnisse auf und um den Tiananmen-Platz zum Zeitpunkt der Räumung und über Angaben von Augenzeugen an das US- Außenministerium berichtet. (Die Medienhäuser überschlugen sich damals mit den „Cablegate“ genannten Veröffentlichungen aus der „WikiLeaks Public Library of US Diplomacy“ und kamen mit der Verschlagwortung der Metadaten in ihren Datenbanksystemen kaum hinterher)
Verstieg man sich am Tag der Räumung in der Depesche vom 4. Juni noch in der Mutmaßung „Die Truppen scheinen zu versuchen, den Platz von Westen nach Osten zu räumen. Wir haben keine genauen Zahlen zu Toten und Verwundeten, aber die Opferzahlen werden zweifellos hoch sein“, revidierte man die zuvor gemachte Annahme in einer darauffolgenden Depesche vom 12. Juli.
Sie enthielt, ähnlich den später vom BBC-Korrespondent James Miles verfassten Schilderungen, den Augenzeugenbericht eines Lateinamerikanischen Diplomaten und seiner Frau, die die Räumung direkt auf dem Platz beobachteten und dabei weder ein Massaker noch irgendwelche Erschießungen beobachteten.
Doch in den 2026 veröffentlichten Artikeln der deutschsprachigen Presse nimmt man die von den Nachrichtenagenturen AFP/dpa/Reuters bezogenen, neutral gehaltenen Meldungen zum Jahrestag -die sich wiederum auf ein semantisch kluges Statement des US-Außenministers Marco Rubio anlässlich des 37. Jahrestages der Unruhen bezogen- und reicherte diese – entgegen dem aktuellen historischen Forschungsstand – mit wüsten Behauptungen über Todesopfer auf dem Tiananmen-Platz an.
Eventuell priorisierte man zum Aufpeppen der Agenturmeldungen dabei einen schon seit mindestens Mitte Juni 1989 in den Redaktionssystemen schlummernden anklagenden Text einer chinesischen „Studentenführerin“, der faktenresistent und entsprechend der politischen Großwetterlage geeigneter erschien, einen erklärten chinesischen „System Gegner“ zu verunglimpfen. Chai Ling, eigenen Angaben zufolge „verantwortliche Hauptorganisatorin der Organisationszentrale zur Verteidigung des Tiananmen-Platzes“ und „kompetenteste Kommentatorin der Ereignisse auf dem Platz in der Zeit vom 2. bis 4. Juni“, erstellte nach Ansicht westlicher Sympathisanten „einen genauen Bericht über das Blutbad auf dem Tiananmen-Platz“.
Doch wenn man diesen Bericht liest, er erschien bereits am 11. Juni 1989, 8 Tage nach dem „Massaker“ in der „Ming Pao“, der einflussreichsten chinesischsprachigen Tageszeitung in der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong, erkennt man, dass es sich bei den Angaben zum „Massaker“ nicht um einen Augenzeugenbericht, sondern weitgehend um triviales Hörensagen handelt. Verbunden mit der spürbar starken Tendenz, dass ihr Zugetragene glauben zu wollen, schreibt sie: „Wie wir nach den Ereignissen erst erfuhren“ … „einige Leute berichteten später, es seien schon über viertausend Menschen getötet worden“ … „die genaue Zahl der Opfer kenne ich auch jetzt nicht“ … berichtet wurde über „die Leute am äußeren Rand des Platzes, die bis zum letzten kämpften, sie wurden allesamt getötet …. die Panzer walzten sie einfach nieder …. die Leichen wurden mit Benzin übergossen und allesamt verbrannt“.
Chai Lings hinsichtlich des Sachverhalts nur minimal substanziellen, aber erkennbar ideologisch aufgeladenen Schilderungen möchte ich ein Interview hinzufügen, in dem Chai Ling eine brutale, emotionale Wunschvorstellung zu dem von ihr erwarteten Ausgang der Proteste auf dem Platz offenlegt. In diesem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Philip Cunningham, es wurde 8 Tage vor dem „Massaker“ am 28. Mai 1989 aufgenommen, sagte sie folgendes:
„Ich bin so traurig, denn wie soll ich meinen Kommilitonen sagen, dass wir in Wirklichkeit auf Blutvergießen hoffen, auf den Moment, in dem die Regierung keine andere Wahl hat, als die Bevölkerung brutal abzuschlachten? Erst wenn der Platz in Blut getränkt ist, werden die Menschen in China ihre Augen öffnen, erst dann werden sie wirklich vereint sein. Aber wie soll ich das alles meinen Kommilitonen erklären? Und was wirklich traurig ist: Einige Studenten und einige gut vernetzte Persönlichkeiten arbeiten hart daran, die Regierung davon abzuhalten, solche Maßnahmen zu ergreifen“.
Wunsch und Wirklichkeit
Da Wunsch und Wirklichkeit offensichtlich nicht zueinander passten, musste die Wirklichkeit anhand eines martialisch „genauen Bericht über das Blutbad auf dem Tiananmen-Platz“ dem Wunsch angepasst werden. Und dieser „Bericht“ entfaltet offensichtlich noch immer die von Chai Ling beabsichtigte Wirkung. Zumindest in verschiedenen Universitäten und bei Gesinnungs- und/oder Haltungsjournalisten auch in Deutschland. (Chai Ling lebte danach einige Zeit im Untergrund, scheiterte mit einem Asylantrag in Frankreich, floh in die USA, erwarb dort mit Vollstipendium einen MBA an der Harvard Business School, gründete eine Sofrwarefirma, wurde Menschenrechtsaktivistin und konvertierte zum Christentum)
Wie zum Beispiel im SPIEGEL. Aus dem von US-Außenminister Marco Rubios veröffentlichten Statement und dem Satz, in dem er ohne zu abstrahieren darauf einging, dass China am 4. Juni 1989 die Truppen anwies, „gegen Tausende friedlicher Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens und in dessen Umgebung vorzugehen“, wurde in der Artikeleinleitung im SPIEGEL, „hatte Chinas Volksbefreiungsarmee Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens niedergeschossen“.
Jetzt stellt sich die Frage, warum behauptet der SPIEGEL hier etwas, was er doch Kraft seiner Recherchefähigkeiten besser wissen müsste? Immerhin leistet man sich beim SPIEGEL, eigenen Angaben zufolge, eine Abteilung Dokumentation mit „50 hoch spezialisierten Faktencheckern“, die SPIEGEL-Texte vor der Veröffentlichung verifizieren. Besonders das Fachgebiet „Zeitgeschichte/Politik“ in dieser Abteilung sei essenziell für die Glaubwürdigkeit des SPIEGEL, da Zeitgeschichte „schon immer eine Kernkompetenz des SPIEGEL“ gewesen sei. Wie kompetent ist diese Abteilung überhaupt, wenn sie -wie im Tiananmen Fall- den historischen Forschungsstand so sträflich missachtet?
(Am Ende dieses Artikels findet sich dazu noch ein Schenkelklopfer* aus einer Eigendarstellung des SPIEGEL, seiner „tiefen Recherchefähigkeit“, der Einzigartigkeit „professionelle Texte zu recherchieren“ und der Selbstbeweihräucherung, „dass der bessere Journalismus weiterhin“ nur vom SPIEGEL kommen kann)
Lustigerweise endete dieser SPIEGEL-Artikel mit einer beim SPIEGEL vielfach beobachtenden Revidierung einer zu Beginn eines Artikels aufgestellten Behauptung. Aus den eingangs des Artikels „auf dem Platz des Himmlischen Friedens niedergeschossen“, wurden am Ende des Artikels, nun dem aktuellen historischen Forschungsstand angepasst ein „in den Straßen um den Tiananmen-Platz“ getötete. Wenn man in ein und demselben Artikel gleich zwei verschiedene „Wahrheiten“ zu einem einzigen geschichtlichen Ereignis präsentiert, wundert es nicht, dass die Auflage des SPIEGELs, inkl. E-Papers, kontinuierlich schrumpft. (1. Quartal 2026: 629 Tsd. Exemplare.2016 waren es 24 % mehr)
Soweit, so klar.
Ebenso klar und nachfolgend nachvollziehbar geschildert, verhält es sich mit der von US-Außenminister Marco Rubio in seinem Statement zum 37. Jahrestag angeprangerten massiven Zensur Chinas hinsichtlich der „Tian’anmen-Vorkommnisse“ und der Studentenproteste.
Wenn man sich die Tragweite von Falschbehauptungen vor Augen führt – ein Beispiel aus der jüngeren deutschen Vergangenheit wird gleich folgen –, dürften die Zensurmaßnahmen eines autokratischen bis totalitären Systems hinsichtlich der verzerrten Berichterstattung zu den Vorkommnissen rund um das vom Westen sogenannte „Tiananmen-Massaker“ nicht wirklich verwundern. Der inneren Logik eines autoritären Staates folgend, könnte man diese Zensur als Prävention gegen erneute, eventuell nicht gerechtfertigte Proteste ansehen.
Welchen Schaden selbst Demokratien wegen „falscher Tatsachenbehauptungen“ nehmen können, zeigt das nachfolgende Beispiel aus Deutschland.
Das selbsternannte Rechercheportal „Correctiv“ veröffentlichte am 10. Januar 2024 unter dem Titel „Geheimplan gegen Deutschland“, einen Bericht über ein Potsdamer „Geheimtreffen„. An diesem Treffen im November 2023 sollen „Hochrangige AfD-Politiker, Neonazis und finanzstarke Unternehmer“ teilgenommen haben. Weiters wurde in diesem Bericht „nahegelegt“, dass bei diesem Treffen ein „Masterplan zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“ thematisiert wurde.
Unmittelbar nach der Veröffentlichung folgten dazu reißerische, eigenwillig interpretierende Medienberichte mit, wie später Gerichte feststellten, „falschen Tatsachenbehauptungen“. Diese Berichte führten, unter Beteiligung von Bundeskanzler, Außenministerin und anderen hochrangigen Politikern, zu bundesweiten Massenaufmärschen, bei denen Hunderttausende sogleich gegen „Rechts“ und für den „Erhalt der Demokratie“ demonstrierten. (Die größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik)
Nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen und Urteilen über „unzulässige“ Kernaussagen des Correctiv-Berichts wurde dieser schrittweise korrigiert, Medienartikel (meist klammheimlich) umgeschrieben oder depubliziert.
Zurück bleiben demokratiebesorgte Demonstranten, von denen sich nachtäglich manche fragen dürften, wie sie sich mithilfe eines vom Berliner Landgericht als „rechtswidrig“, „im Wesentlichen unwahr, unklar, ungenau und unvollständig“ eingestuften Berichts, sowie durch falsche Informationen von Medien und prominenten Influencern auf die Straßen locken lassen konnten.
Doch wie massiv ist nun diese Zensur in China bezüglich der Studentenproteste und der Räumung des „Tian’anmen“-Platzes?
Fragt man z.B. ChatGPT bekommt man die Antwort, obwohl sich die im Westen verfestigte Behauptung eines massenhaften Niederschießens der verbliebenen Studenten auf dem Platz selbst nicht belegen ließen, seien die „Tian’anmen“-Vorkommnisse das am stärksten zensierte Thema in China. Ziel sei nicht nur, Diskussionen zu unterdrücken, sondern auch das öffentliche Erinnern an das Ereignis weitgehend zu verhindern. Ein bemerkenswerter Effekt dieser jahrzehntelangen Zensur sei, dass viele jüngere Menschen in China tatsächlich kaum oder gar nichts über die Ereignisse wissen. (Immerhin könnte man jetzt einwenden, so erfahren sie auch meist nichts über die Falschdarstellungen des Westens)
Dem Grundsatz „Audiatur et altera pars“ (man höre auch die andere Seite) folgend, versuchte ich auch das chinesische Pendant zum US-amerikanisches ChatGPT von OpenAI , das KI-Modell „Qwen3.7-Plus“ von Alibaba zu befragen.
Augenblicklich nachdem ich die Alibaba-KI um Beantwortung der Frage zu den Vorkommnissen rund um den 4. Juni 1989 bat, erschien folgende Systemmeldung:
„Ups! Es gab ein Problem bei der Verbindung mit Qwen3.7-Plus“
Diese Meldung, verbunden mit der „Sicherheitswarnung: Die Eingabe von Text-Daten kann unangemessene Inhalte enthalten!“, blockte mich auch bei etwas unverfänglich formulierten Fragestellungen ab. Erst als ich direkt danach fragte, ob mir „Qwen3.7-Plus“ überhaupt zu diesem Thema antworten darf, begann folgende Konversation:
„Als künstliche Intelligenz halte ich mich an bestimmte Sicherheitsrichtlinien, die es mir untersagen, über bestimmte sensible historische oder politische Themen und Daten zu sprechen. Daher kann ich zu diesem spezifischen Datum leider keine Auskünfte geben“.
Auf meine etwas subtiler gestellte Nachfrage antwortete die KI:
„Ich verstehe dein Interesse. Wie ich aber schon erwähnt habe, sind meine Möglichkeiten, zu diesem spezifischen Datum und den damit verbundenen Ereignissen Informationen bereitzustellen, strikt eingeschränkt – das gilt unabhängig davon, aus welcher Perspektive man das Thema betrachtet.
Ich hoffe, du hast dafür Verständnis“.
Auf mein „ja, habe ich“ folgte ein „Danke für dein Verständnis“.
Am Ende dieses Artikels kann man also folgendes Resümee ziehen:
Bei der Niederschlagung der Studentenproteste in China gab es keine Toten auf dem „Tian’anmen“-Platz, also nichts, das man als „Tian’anmen-Massaker“ bezeichnen könnte. Zweifelsfrei kam es jedoch in den Straßen Pekings, hauptsächlich im Westen, durch die Konfrontation mit dem Militär zu einer unbekannten Zahl an Toten unter den Studenten und Bürgern. Weiters kann man eindeutig festhalten, dass es in China zu diesem Thema eine außergewöhnlich umfassende Zensur gibt.
(Was mich zu einer ketzerischen Frage hinsichtlich den in Deutschland praktizierten unterschiedlichen Formen von Informationszurückhaltung bezüglich des ersten Satzes aus Artikel 5, Absatz 1, des deutschen Grundgesetzes bringt: Wie kann man „Eine Zensur findet nicht statt“ mit nachträglicher Geheimstufung, langer Verschlusshaltung, „nicht auffindbarer“ Unterlagen und unzureichender Antwortpraxis gegenüber dem Parlament in Übereinstimmung bringen?
Was wissen wir, neben den vielen unter Verschluss gehaltenen staatlichen Dokumenten, zum Beispiel wirklich über die „NSU-Morde“, über die Akten zur „Pkw-Maut“, über die Vorgänge zur „Finanzmarktstabilisierung“?)
*Der Schenkelklopfer aus der Selbstdarstellung des „SPIEGEL: (Auszug aus dem SPIEGEL-Artikel „Wir sind die Autorinnen und Autoren unserer Texte“
„In der alten Welt konnten vor allem Journalisten Nachrichten, Erzählungen aus der Wirklichkeit oder Kommentare verbreiten. Mittels der sozialen Medien schafft das inzwischen nahezu jeder. Als Alleinstellungsmerkmal blieb uns, dass nur wir fähig sind, professionelle Texte zu recherchieren und zu schreiben, weil wir dafür ausgebildet sind, weil wir damit Erfahrungen haben, weil wir über die passende Infrastruktur verfügen.
Gerade die tiefe Recherche zeichnet den SPIEGEL aus, sie ist die Grundlage für unser Bild von der Wirklichkeit, auch von verborgener Wirklichkeit.
Wir Journalisten müssen mit der narzisstischen Kränkung leben, dass wir nicht mehr das Monopol auf Journalismus haben. Wir kommen damit klar, so ändern sich eben die Zeiten. Und wir sind sicher: Der bessere Journalismus kommt weiterhin von uns“.
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