Im bayerischen gibt es den Begriff des „Wadlbeißers“. Umgangssprachlich beschreibt er eine stichelnde, aufdringliche und provozierende Person, die auf Grund ihrer meist geringen Größe dem provozierten, i. d. R. robusteren Gegenüber zwar nicht direkt entgegentreten könnte, sondern sich hinter einem ihm freundlich gesinnten Dritten in Sicherheit bringen kann. Allgemeinverständlich werden Wadlbeißer auch als Giftzwerge, oder engl. „Poison dwarf“ bezeichnet. (Vergleichbar mit einer Schulhofsituation, in der ein meist nicht beachteter Beckenrandschwimmer gegen seine Mitschüler stichelt, um anschließend einer für ihn brenzlich gewordenen Situation dadurch zu entkommen, indem er sich hinter seinem großen Bruder versteckt)
In diesem Kontext geraten mir die baltischen Staaten ins Blickfeld. Mit ihrer wechselhaften, von jahrhundertelanger Fremdherrschaft geprägten Geschichte wären Estland, Lettland und Litauen geradezu prädestiniert, in Europa die Rolle der friedfertigen, ehrlich für Abrüstung, Zusammenarbeit und Völkerverständigung werbenden Länder zu übernehmen. Merkwürdigerweise haben sie, und hier sticht besonders das politische Personal des Lettischen Staates hervor, sich für die Rolle des auf dem Opfermythos nationalistischer Erzählungen basierenden russophoben Wadlbeißers entschieden.
Von den politischen Köpfen dieses Gebiets, einer Region, die in ihrer tausendjährigen Geschichte sowohl Leibeigenschaft als auch dänische, schwedische, polnische, deutsche oder sowjetische Fremdherrschaften erleiden musste, würde man mit dem Hintergrund dieser Erfahrung weniger Fanatismus gegenüber Russland und stattdessen mehr Hinwendung zu einem friedlichen Miteinander erwarten.
Einerseits war es absolut verständlich, dass sich Estland als kleines Land mit geringer Bevölkerungszahl zusammen mit den ebenfalls von Hyperinflation geplagten und ebenfalls flächenmäßig kleinen und bevölkerungsschwachen Nachbarländern Lettland und Litauen dem supranationalen Staatenverbund EU anschloss. Diese Mitgliedschaft sicherte Souveränität und ermöglichte den 3 baltischen Staaten, besonders den 1,36 Millionen Bewohnern Estlands, eine enorme wirtschaftliche Prosperität. (Die 3 baltischen Staaten haben zusammen etwa 6 Millionen Einwohner)
Militärisch abgesichert wird diese Souveränität durch die Mitgliedschaft in der NATO. Sowohl in der NATO als auch in der EU sind die 3 Baltenstaaten zwar meinungsstarke, aber hinsichtlich ihrer Wirkmächtigkeit nur kleine Lichter. (Estlands Verteidigungsetat beträgt derzeit 2,4 Milliarden €. Zusammen tragen die 3 baltischen Länder insgesamt 0,8% zur Wirtschaftsleistung der EU-27 bei)
Andererseits, und hier wird es irrational, also vernunftwidrig, stänkern estnische Politiker ohne Unterlass gegen Russland, während sie gleichzeitig ihre große Angst vor Russlands -durch nichts belegte- Expansionspläne des Nachbarn ins Baltikum betonen.
Dieser Stellvertreter-Mut, sich im Windschatten eines Stärkeren aufzublasen, ist beherrschender Bestandteil von Einlassungen baltischer Politiker. Diese aus der Soziologie bekannte parasitäre Dominanz kann man besonders an zwei Personen aus der estnischen und litauischen Politik festmachen.
Zum einen an der ehemaligen Premierministerin Estlands und aktuellen EU-Außenbeauftragten, Kaja Kallas, eine russophobe Fanatikerin, von der es diesbezüglich ausreichend öffentliche Einlassungen gibt und ich mich hier nur auf einen zuletzt auf „X“ abgegebenen Kommentar des EU-Abgeordneten (MdEP) Martin Sonneborn beschränke: „Die Chefdiplomatin der EU ist eine solche Nullnummer, dass noch nicht einmal ein Schmierlapp wie Marco Rubio ihr einen Termin für „bilaterale Gespräche“ gewähren will.“
Zum anderen kann man diese parasitäre Dominanz auch am litauischen Außenminister Kestutis Budrys beobachten, der sich zuletzt in einem Interview mit der NZZ zur zwischen Litauen und Polen an der Ostsee gelegenen russischen Exklave Kaliningrad, einem Gebiet mit rund einer Million Einwohner, folgendermaßen äußerte:
–Könnte Litauen in einer neuen Weltordnung ohne die EU bestehen?
„Wir würden eine noch schnellere Regionalisierung erleben, etwa im nordisch-baltischen Raum“.
–Aber da gibt es noch Kaliningrad, die russische Enklave an der Ostsee.
„Wir müssen den Russen zeigen, dass wir ihre kleine Festung, die sie in Kaliningrad errichtet haben, durchdringen können. Die Nato hat die Mittel, die russischen Luftverteidigungs- und Raketenbasen dort im Ernstfall dem Erdboden gleichzumachen“.
Diese sich in Trittbrett-Machtgehabe ergehenden verbalen Russophobien der Estin Kallas und des Litauers Budrys werden in Lettland, dem dritten baltischen Land in reale, nicht minder russophobe Politik umgesetzt.
Bestes Beispiel dafür wäre die Diskriminierung der russischsprachigen Minderheit. Bedenkt man, dass der Schutz ethnischer und nationaler Minderheiten ein in der Charta der Grundrechte der EU in Artikel 22 als Rahmenübereinkommen festgeschrieben wurde, ist man doch einigermaßen irritiert, dass in den baltischen Ländern, besonders in Lettland, russische Minderheiten diskriminiert werden dürfen. (Bevölkerungsanteil ethnischer Russen in Lettland: 23%) Wo sind hier die Werte der EU die es hochzuhalten gilt?
Fordert man zum Beispiel als Lettischer Abgeordneter (russischer Herkunft) im Parlament mehr Integration statt Entrussifizierung und argumentiert gegen den mittlerweile obligatorischen Lettisch-Sprachtest für langjährige Einwohner russischer Herkunft, hat man ein massives Problem. (Wer den Sprachtest nicht bestand oder die Teilnahme verweigerte, wurde ausgewiesen) Besonders wenn man, wie der Abgeordnete Alexey Roslikov, bei seiner Rede im Parlament ins Russische wechselt.
Er wurde wegen „unethischen Verhaltens“ aus dem Saal gewiesen und der lettische Staatssicherheitsdienst (VDD, einer von 3 Geheimdiensten Lettlands) leitete eine Untersuchung ein, ob der Abgeordnete dem „Aggressorstaat Russland bei gegen Lettland gerichteten Aktionen“ Unterstützung geleistet habe. Es folgte eine vorübergehende Festnahme, worauf Roslikov sein Abgeordneten Mandat niederlegte und, um einer anschließenden gerichtlich angeordneten Festnahme zu entgehen, ins Nachbarland Belarus floh. Da er zwischenzeitlich in den Stadtrat der lettischen Hauptstadt Riga gewählt wurde, jedoch wegen der drohenden Verhaftung nicht nach Riga reisen konnte, wollte er per Videoschalte an den Ratssitzungen teilnehmen. Rigas Bürgermeister lehnte dies mit der Begründung ab, dass jegliche Verbindung (auch eine elektronische) zu einem Aggressorstaat aus Sicherheitsgründen als inakzeptabel gelte.
Der Clou folgte am 21. Mai 2025. Auf Initiative des Bürgermeisters beschloss der Stadtrat von Riga dem Stadtrat Roslikov sein Mandat als Stadtrat zu entziehen. Begründung: Er habe in den vergangenen drei Monaten mehr als die Hälfte der Stadtratssitzungen ohne triftigen Grund versäumt. (Nichts davon war illegal. Alle staatlichen Maßnahmen waren gesetzlich abgesichert. Ein zwar durchsichtiger, aber legaler Vorgang, um ein Mitglied der russischen Minderheit aus der lettischen Politik zu entfernen)
Wie soll man das bisher geschilderte bewerten? Politische Akteure, die aus tausendjähriger Geschichte Feindbilder für die Gegenwart ableiten und diese in einer offensiv für sich reklamierenden Opferrolle als nationalistische Erzählung fortführen, kommen ohne einen auf andere gerichteten Zeigefinger leider nicht aus. Denn kein Land ist so lange immer nur Täter oder immer nur Opfer – auch nicht Russland oder die baltischen Staaten.
Das zu überdenken hieße, das baltische Politiker sich aufraffen und einen den Balten in stereotypischen Zuschreibungen aufscheinenden Wesenszug eines phlegmatischen und beharrlichen Menschenschlages überwinden und liebgewonnene Opfergeschichten abstreifen müssten. Und sich einem eventuell mühsamen Prozess einer nicht von Revanchismus getriebenen interkulturellen Weiterentwicklung zu stellen.
Das würde nicht nur den Balten, sondern auch der gesamten, immerhin 2012 für ihren jahrzehntelangen Beitrag zur Förderung von Frieden, Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten EU guttun.
Kulturelle- und soziokulturelle Eigenarten, also spezifische Werte wie Normen, Bräuche oder Verhaltensweisen, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft prägen, müssten dabei nicht auf der Strecke bleiben.
Das gerade Deutschland, wie nachfolgend beschrieben, hier ein ungesundes Vorbild abgibt, dürfte den Balten nicht entgangen sein.
Ein besonders fragwürdiges Beispiel der Herangehensweise an interkulturelle Weiterentwicklung in Deutschland konnte man anhand aktuell vermittelter Wertmaßstäbe auf einer „Integration“-Veranstaltung begutachten. Dort attestierte man dem deutschen Nationalbewusstsein plötzlich eine braune Färbung die es sukzessive aufzuhellen galt.
Auf diesem vom „Deutschen Kulturrat“ abgehaltenen „Ersten Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt“, sprach die deutsche Sozialministerin Bärbel Bas am 21. Mai 2026 bemerkenswertes. Der Deutsche Kulturrat e.V., Spitzenverband der Bundeskulturverbände, agiert u. a. unter dem Motto „Kulturelle Integration ist die Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt“. (Kurze Begriffsbestimmung und Definition des Begriffs Integration: Er bedeutet EINGLIEDERUNG von Personen oder Gruppen IN ein bestehendes System oder eine Gemeinschaft, mit dem Ziel, ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen)
Und dazu nun Bärbel Bas: „Furcht vor dem vermeintlich Bedrohlichen oder Fremden müssen uns als Demokratinnen und Demokraten umtreiben und wir müssen gemeinsam dagegenhalten“. (Schon hier zu Beginn ihres Vortrags fragte ich mich bereits, wie ich demokratisch gegen ein Gefühl, eine grundlegende Emotion, einen Schutzmechanismus angehen kann. Vermutlich reagiere ich auf derlei Sprachgewurstel nur so kritisch, weil ich zuletzt im sprachkritischen Büchlein „Dummdeutsch“ geschmökert habe)
Bei einem anschließenden Satz von Bas, aber nur bei diesem einen, könnte man in den baltischen Republiken ansetzen: „Wer hier im Land lebt„, fordert Bas und meinte damit Deutschland, „muss eine Chance bekommen, darf nicht an Vorurteilen scheitern“. So weit, so unspektakulär.
Doch Schlagzeilen verursachte der Vortrag von Bas jedoch bezüglich einer von ihr gezogenen Schlussfolgerung, wie man „unsere vielfältige Gesellschaft verteidigen“ müsse: „Durch Zuwanderung“!
Betrachtet man die Auswirkungen dieser speziell in Deutschland gehandhabten „Zuwanderung“ ist man zumindest erstaunt über diese Ableitung. Das Erstaunen über diese Schlussfolgerung steigert sich zur Fassungslosigkeit, wenn man die darauffolgende Begründung für diesen gewollten Zuzug hört. Einwanderung, so die Sichtweise der amtierenden Bundesministerin für Arbeit und Soziales, soll ein angeblich in Deutschland vorherrschendes „Einheitsbraun“ verdünnen.
Wie kommt man nur auf den Gedanken, dass Vielfalt in Deutschland nicht gelebt würde und wir hier in einem Einheits“braun“ leben würden?
Zweifelhaft wird diese gelebte Vielfalt allerdings, wenn sie sich als Problem der öffentlichen Sicherheit in Form von bestimmten Zuwanderergruppen ausgelösten vielfältigen Übergriffen, kriminellen Handlungen und psychisch auffälligen Gewalttätern im alltäglichen Leben und Kriminalstatistiken niederschlägt. Ein Phänomen der Massenzuwanderung, das sich an der nachgewiesenermaßen mangelnden Integrationsbereitschaft, andersartigen Sozialisation, Religion und der Aufrechterhaltung unterschiedlichster Wertesysteme verschiedener Zuwanderergruppen zeigt.
Ich erinnere hier an die Skepsis des Altkanzlers Helmut Schmidt, die er im Jahr 2005 mit Blick auf bestimmte Zuwanderergruppen äußerte: „Wir müssen eine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturen unterbinden“ (FOCUS, Juni 2005)
Doch dieses von Bas geforderte „Farbe bekennen“ durch Einwanderung vernebelt die Gefahr der schleichenden Destruktion der kulturellen Identität unseres Landes.
Spätestens an dieser Stelle würden die Litauer, Letten oder Esten zusammenzucken und feststellen, dass sie genau diese Aufweichung ihrer Identität nicht möchten. Denn das würde ja bedeuten, dass man die gerade vollzogene Derussifizierung rückabwickeln müsste.
Und damit bin ich am Ende wieder bei meiner Kritik am Vorgehen bestimmender Politiker in den drei baltischen Staaten.
Anstatt sich dem Chor der zahlreichen Kriegstreiber aus den 27 Mitgliedstaaten der EU und aus Großbritannien anzuschließen und besonders laut gegen Russland zu hetzen – wobei viele dieser russophoben Kriegstreiber aus Ländern stammen, die eine unrühmliche, kriegerische Rolle als Besatzer baltischer Gebiete hatten – könnten die Balten wirklichen Mut zeigen indem sie die EU mit echter Diplomatie bereichern, anstatt mit Stellvertreter-Mut gegen Russland zu stänkern.
Doch ……. wer sagt es ihnen?
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