Bärbel Baas – Wenn männliche Algorithmen auf weibliches Dessinteresse bei IT-Berufen prallen.

47 Minuten. Das war die Redezeit der SPD-Parteivorsitzenden Bärbel Baas, in deren Verlauf statt der „Sozialen Marktwirtschaft“ eine „Digitale soziale Marktwirtschaft“ gefordert wurde, Algorithmen ein Geschlecht bekamen und ein „System“ hinter einer offensichtlich erkannten Abwertung von Frauen gesehen wurde.

Neben den von der derzeitigen SPD selbst Ad acta gelegten, bei Bedarf jedoch generell SPD-anhängertauglich hervorgeholten Allgemeinplätzen wie „Mehr Teilhabe und Wohlstand für alle“, „Der Mensch darf nie Objekt von Politik und Staat werden“, und „wir machen Politik für die Menschen in unserem Land“, hangelte sie sich durch das „Zusammen Zukunft Schreiben“ überschriebene Motto ihrer Rede.

Und als wäre die SPD noch eine vor Kraft und Zuspruch strotzende politische Kraft in dieser Republik, verstieg sich die Vorsitzende einer in Umfragen bei aktuell 12% Zuspruch liegenden Partei in ihrer Rede noch zu einem, nein, sogar zu zwei Luftnummern Versprechen:

 „Als SPD Vorsitzende sage ich den (heranwachsenden) Kindern und ihren Eltern….. wir erneuern mit dieser SPD das Zukunftsversprechen für unser Land. ….. Und ihr dürft darauf vertrauen, dass diese Gesellschaft für euch da ist“.

Die Abwertung von Frauen hat System“.

Dieser steilen These, die Baas im weiteren Verlauf ihrer Rede aufstellte, versuchte sie die Steilheit zu nehmen, indem sie daran anknüpfend, ein Bündel an Mainstream tauglichen Begründungen ablieferte. Kein Argument war ihr zu banal, zu zweifelhaft oder zu absurd, um es nicht als Beleg für die Geringschätzung von Frauen anzuführen.

Als „schmerzhaften Höhepunkt“ dieser Abwertung bezeichnete sie „die Angriffe auf Frauke Brosius-Gersdorf bei der Bestellung zur Bundes Verfassungsrichterin“.

Der Umstand, dass diese Frau nicht wegen ihres Geschlechts, sondern wegen ihrer Haltung zur Abtreibung als Richterin am Bundesverfassungsgericht von der CDU/CSU-Fraktion kategorisch abgelehnt wurde, hätte die innere Logik der von Frau Baas krampfhaft aufgestellten Argumentationskette einer Frauenbenachteiligung wohl ausgebremst. Besonders wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass an Stelle dieser Nicht gewählten, eine andere Frau gewählt wurde.

Und auch bei ihrer Forderung nach einer „digitalen sozialen Markwirtschaft“ sah sie die Gefahr einer Abwertung von Frauen. Um ihre zentrale Aussage zu bekräftigen, warf Baas im Stile eines dem Fußballspieler Andy Möller zugeschriebenen Spruchs, „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“, in unbedarfter Weise IT-Systeme, Künstliche Intelligenz (KI) und Websites alle in einen Topf.

Besonders für Frauen sei es „im Netz ungemütlich geworden“. Denn „laut einer Studie der Vereinten Nationen wurden fast 60 Prozent der Frauen online auf die eine oder andere Art schon belästigt“ berichtete Baas.
Ihre an Themaverfehlung erinnernde Begründung: „Algorithmen werden überwiegend von Männern programmiert, Maschinen lernen männlich zu denken“. Denn nur „30 Prozent der im KI-Bereich Beschäftigten sind Frauen“. Und schon deshalb bräuchten „wir ein neues Betriebssystem für unsere Gesellschaft, in dem Frauen und Männer gleichgestellt sind“.

Dass „eine KI“ so trainiert wird, dass sie sachliche, analytische und objektive Ergebnisse liefert, mag im Ergebnis als eher männlich wahrgenommen werden. Und unabhängig von einer soziokulturellen Projektion von Geschlechterrollen stimmt es, dass der KI-Sektor deutlich männlich dominiert ist. Realistisch gesehen, wobei es Baas in diesem Teil ihrer zur Schau gestellten Rede über Geschlechtergerechtigkeit unrealistisch insinuiert, werden Frauen in diesem Sektor nicht ausgegrenzt. Doch sie haben -auch mangels Begabung- kein Interesse an ihm. Ein Blick in die Statistik zeigt: Obwohl der Frauenanteil bei IT-Studiengängen in Deutschland auf ca.34 % stieg, stagnieren deren Abschlüsse seit längerem bei 20 %.

Doch nur weil es so schön in die Zeit passt, womöglich auch den Wunsch nach Gleichbehandlung, Chancengleichheit und Teilhabe der weiblichen SPD-Anhänger an der in dieser Rede ausgerufenen „digitalen sozialen Markwirtschaft“ bedienen sollte, lässt sich fachliche Kompetenz nicht durch eine von der SPD so gerne geforderte Geschlechterquote verordnen.

Oh nein. Wenn Maschinen denken, denken sie männlich.

Es mag ja angehen, sich als SPD-Vorsitzende und Ministerin mit Fachgebiet Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Reden zu Fachgebieten zu äußern, in denen man offensichtlich keine bis wenig Kompetenz besitzt und demzufolge zu falschen Schlussfolgerungen kommt.

Was nicht geht, wäre diese Schlussfolgerungen als Handlungsanweisungen zu betrachten, um diese Ursache allen Übels, zum Beispiel diese als „männlich“ empfundenen Algorithmen und die „männlich denkenden Maschinen“ auszumerzen oder zumindest zurückzudrängen. Und so auch im Bereich von Anwendungen intelligenter digitaler Systeme den Weg für weibliche, auch unqualifizierte Fachkräfte freizumachen, um die von Baas erkannte „Abwertung von Frauen“ beenden zu können.

Parteipolitisch gesehen wäre das eine Verbesserung der geschlechtlichen Gleichstellung. Hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wäre es jedoch der Supergau!

(Sicher nur ein Zufall: Der zentrale IT-Dienstleister der Berliner Verwaltung, das IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) steht vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Chefin (Physikerin) ist eine Frau)

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