„Pfaffen sollen beten und nicht regieren“ lautet ein historisches Zitat von Martin Luther. Er mahnte damit zur Beschränkung der geistlichen Aufgaben auf Seelsorge und Gebet. Von weltlicher Politik sollten sie die Finger lassen.
Doch dieses Zitat, so liest man in manchen dem Klerus nahestehenden Publikationen, trifft die Kirche in unserer Zeit nicht mehr, da sie ja nirgends regiert.
Soll wohl heißen, unser über Jahrhunderte hinweg andauerndes unchristliches Gebaren von gestern sei ja jetzt Schnee von gestern. Heute sind wir vorbildliche Christen. Das gilt besonders, nachdem die AfD dieses Zitat entdeckte und darüber, z.B. nach einer gewonnenen Wahl in Sachsen-Anhalt, die Trennung von Staat und Kirche vorantreiben möchte.
Wenn „Kirche“ heute zivilgesellschaftliche Fragen behandle, so die Rechtfertigung einer politischen Positionierung, tut sie das im Sinne eines Beitrags zur öffentlichen Meinungsbildung aus christlicher Perspektive und Verantwortung.
So wie sie es schon in den 1960er Jahren im damals noch erzkonservativen Bayern versuchte. Während man in den extrem ländlich und agrarisch geprägtes Teilen Niederbayern und Oberpfalz in den Kirchen zuvor noch den Teufel bemühte, ließen die katholischen Bischöfe besonders vor den bayerischen Landtagswahlen 1962 und 1966 ein sogenanntes „Kanzelwort“ verlesen, das – gut dokumentiert – als deutliche Wahlempfehlung zugunsten der CSU verstanden wurde.
Diese „Kirche“, die seit grauer Vorzeit mit dem Dogma der „Göttlichen Ordnung“ fröhliche Urstände feiert und mit einer „von Gott vorgegebenen Ständeordnung“ Ketzerprozesse, Folter, Ablasshandel, Armut und Hungersnöte entfachte, maßt sich heute an, „christliche Perspektiven“ zu vermitteln und von Prinzipien des christlichen Gewissens zu sprechen.
Doch nicht die Prinzipien christlicher Gewissen, sondern weit profaneres ist in Gefahr. Es geht ums liebe Geld. Um Einnahmeverluste!
Der auf historischen Verträgen beruhende Einzug der Kirchensteuer durch den Staat – und darum geht es den Kirchen im Kern – hat nichts mit den Prinzipien des christlichen Gewissens zu tun.
Sind die Christen in den USA, Frankreich oder Großbritannien etwa prinzipienlos, weil sich die dortigen Kirchen nur über „freiwillige Gaben“ finanzieren? Und was ist mit den Italienern, Spaniern oder Ungarn, die einen geringen prozentualen Anteil ihrer Einkommensteuer entweder der Kirche oder anderen sozialen und kulturellen Zwecken zukommen lassen?
Wie tragfähig mag das Scheinargument des Magdeburger Bischofs Gerhard Feige sein, wen er bei seinen Einlassungen von seinem Kampf gegen die AfD davon spricht, dass es ihm dabei um den Erhalt der Menschenfreundlichkeit und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt gehe, jedoch an anderer Stelle davon spricht, dass „wir in weniger als einem Jahr pleite„““”” wären, „wenn eine neue (AfD geführte) Landesregierung keine Staatsleistungen mehr zahlt und auch die Kirchensteuer ausbleibt“.
Wie redlich ist diese Einlassung, da ja bekannt ist, dass die Kirchensteuer „nicht ausbleiben“ würde, sondern von der Kirche selber eingetrieben werden müsste.
Eventuell hilft ein Blick in die Bibel, der Betriebsanleitung für christliches Verhalten. Sie soll ja an vielen Stellen zu Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit aufrufen.
Und dem normalen Volk hilft eventuell ein Rückgriff auf eine Erkenntnis des „Alten Fritz“. Der deutsche König bezeichnete das Christentum sarkastisch als „einen alten metaphysischen Roman, voll von Wundern, Widersprüchen und Absurditäten, geboren aus der glühenden Einbildungskraft der Orientalen. (und übertragen auf Europa) Enthusiasten haben ihn gepredigt, Ehrgeizige haben vorgegeben davon überzeugt zu sein, Dumme haben ihn geglaubt“. (Christopher CLARK, Preußen: Aufstieg und Niedergang – 1600–1947)
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