© Mariusz Kulak

Kriegstüchtig – „….dem soll die Hand abfallen“.

Der Mann der diesen Text schreibt wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Diese Angabe schicke ich dem Artikel voraus, nicht um mit der Altersangabe unterschwellig Weisheit zu suggerieren, sondern um damit ein gewisses Maß an Lebenserfahrung zu dokumentieren. Selbst wenn ich durch diese Jahre ziemlich blauäugig gestiefelt wäre, so würde ich auch als vertrauensseliger Mensch über die Jahre ein gewisses Verständnis für das Leben entwickelt haben.

Doch, und damit muss ich all diejenigen enttäuschen die jetzt Ergüsse eines nicht reflektierenden, unbedarften Mitbürgers erwarten, das Leben hat mir mittels unzähliger Rückmeldungen, beruflicher wie menschlicher Art gezeigt, dass es mich nicht in der großen Masse der Mittelmäßigen verortete.

Soviel zur Vorrede, die nur dazu dient meiner Wut und der damit verbundenen Abscheu über die Forderung zur Kriegstüchtigkeit den nötigen, leider meist nur verbal zu vermittelnden Nachdruck zu verleihen. (Das Titelbild sollte bereits einiges Frösteln ausgelöst haben)

Sind 65 Millionen getötete Zivilisten noch nicht genug?

Ich bin Deutscher. Im Namen Deutschlands, egal mit welchem Zusatz man das Land zwischen 1914 und 1945 versah, wurden von 1914 bis 1918 rund 17 Millionen Menschen, und von 1939 bis 1945 (inkl. Deutscher Massenverbrechen an allen Fronten) über 75 Millionen Menschen getötet. (Darunter zusammen 65 Milionen Zivilisten. Unter den 27 Millionen Opfern aus der damaligen Sowjetunion, stammten 19 Millionen allein aus dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation)

Die Toten, besonders die des Zweiten Weltkriegs, waren die Folge einer in Deutschland betriebenen rassistischen Ideologie, die Bewohner der östlich an Deutschland grenzenden Länder als „Untermenschen“, „minderwertig“ oder „unwert“ ansah. (Der 1. Weltkrieg wurde von Kaiser Wilhelm II mit Kampf um Deutschlands „Platz an der Sonne“ begründet. Hintergrund: Neuordnung auf dem Balkan)

Das Teufelchen auf meiner rechten Schulter flüstert mir zu, dass mich doch bei alldem keine Schuld an diesen Gräuelzahlen träfe und ich mich ja jetzt entspannt zurücklehnen könne. War doch alles vor meiner Zeit.

Das Unbehagen zu viel zu wissen

Doch das Engelchen auf meiner linken Schulter sieht das vollkommen anders, zieht die Ereigniskarte und konfrontiert mich mit meiner Verantwortung im Hier und Jetzt. „Findest du das gut, was damals geschah“, flüstert es mir in unverkennbar vorwurfsvollem Ton ins Ohr. Sicherlich nicht, fuhr es mir durch den Kopf. So gut müsste mich das Engelchen doch kennen. „Und jetzt“? Das Engelchen wurde  lauter. „Du lebst doch in einer Zeit in der sich dein Land anschickt diese mörderischen Fehler erneut zu begehen. Du kennst doch all die beunruhigenden Einlassungen dazu und liest doch andauernd davon. Bedeutet das nichts für dich“?

Verdammt. Warum gibt es keinen Schalter in meinem Kopf, mit dem ich all das Gelesene, Gesagte oder Gesendete einfach ausschalten könnte. All die aktuellen Bewertungen, die sich seit geraumer Zeit häufenden großsprecherischen Wortmeldungen mit einer an Lernbehinderung grenzenden Rhetorik zur Manifestation eines Prozesses, sich einen bösen äußeren Feind zu bauen. Und erneut steht der Feind im Osten!

Das derzeit in Deutschland alles bestimmende Erfordernis – nicht nur ideell, sondern auch finanziell- besteht darin, kriegstüchtig oder zumindest kriegstauglich zu werden. Gegebenenfalls müssen wir „den Krieg nach Moskau tragen“ und die Bundeswehr „zur konventionell stärksten Armee Europas“ ausbauen. Glaubt wirklich jemand, man könne gegen die Atommacht Russland, und dieses Land haben wir ja erklärtermaßen bei unserer Kriegsrhetorik im Blick, einen konventionellen Krieg führen? Da verstellt uns der Regionalkonflikt, den Russland gerade mit der Ukraine austrägt gewaltig den Blick. Mit einem beträchtlichen Teil der ukrainischen Bevölkerung sind Russen verwandtschaftlich verbandelt. Eine diesbezügliche soziale Rücksichtnahme gegenüber Deutschland besteht seit dem Tod von Zarin Katharina II. jedoch nicht mehr.

Wie unverantwortlich darf man sein?

Also wozu das alles? Ist die Bundeswehr denn keine Verteidigungsarmee. Zumindest suggeriert der Titel ihres Chefs diese Aufgabenstellung. Er trägt den Titel „Verteidigungsminister“.

Doch das mit dem verteidigen ist womöglich nicht mehr so ernst gemeint. Machte doch der neue Inspekteur des Deutschen Heeres, Generalleutnant Christian Freuding deutlich, wo er die Prioritäten sieht. Gleich in seinem ersten Tagesbefehl erklärte er, was die Soldaten auszeichnen müsse: „der Wille zum Kampf“.

Wenn dann noch in unseren sogenannten Qualitätsmedien Journalisten voller Ungeduld mit den Hufen scharren, und, wie zuletzt im ZDF heute journal vom 5. Mai danach fragen, ob wir denn auch wirklich 2029 kriegstüchtig wären, zeigt sich die deutsche Lernbehinderung in Reinkultur. Wir scheinen aus unserer eigenen Geschichte wirklich nichts gelernt zu haben.

Sind die von Deutschland in beiden Weltkriegen zu verantworteten ca. 65 Millionen getötete Zivilisten nicht ausreichend genug um innezuhalten?

Nazis? Doch nicht wir Deutschen!

Mit all diesem Wissen ist es mir einfach nicht möglich, ein Äquivalent für die beliebteste Ausrede meiner Landsleute nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden, indem sie behaupteten, sie „hätten von nichts gewusst“, als man sie mit den von ihnen angerichteten, oder zumindest geduldeten Gräueltaten konfrontierte. Sie wollten auch nicht bemerkt haben, wie einige ihrer Nachbarn auch am helllichten Tag abtransportiert wurden. Sie waren es auch nicht, die diese Nachbarn als Volksschädlinge denunziert, die dadurch frei gewordenen Wohnungen geplündert und ggf. für sich reklamierten, oder deren Einrichtungen zu Spotpreisen ersteigert hatten. (Die Versteigerungsprotokolle enthielten i.d.R. keine Namen der Käufer)

Dieses vorgeschobene Nichtwissen war aber nur das verlogene Vorspiel für eine intensiv betriebene Geschichtsklitterung. Der Tag der Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945 wurde im Laufe der Jahre in Befreiung Deutschlands vom Nazi Terror durch die Alliierten umgeschrieben. Nicht die Deutschen waren die Nazis. Das müssen andere gewesen sein. Deutschland hatte doch keine Länder überfallen, Menschen gemeuchelt, erschossen, vergast oder verhungern lassen. Nein, das waren diese Nazis. Und die Deutschen waren ja keine Nazis.

Sprach- und Bilderlosigkeit im sozialen Gedächtnis der Bundesrepublik

Anders verhielt es sich mit den Angehörigen der Wehrmacht. Sie konnten sich nicht hinter dem Nichtwissen verstecken. Ihnen blieb nur das Schweigen über ihre Einsätze in einem Vernichtungskrieg. Viele von ihnen waren direkt oder indirekt an Verbrechen an der Ostfront beteiligt, hatten traumatisierende Kampfeinsätze und bevölkerten in einer Anzahl von Millionen als Kriegsversehrte und Schwerbeschädigte die Straßen im Nachkriegs Deutschland. Doch Fragen aus meiner Generation an die Vätergeneration, was und warum sie das taten was sie taten, wurden aus Scham und Schuldgefühlen nicht beantwortet.

Diese „bis heute anhaltende Sprach- und Bilderlosigkeit im sozialen Gedächtnis der Bundesrepublik schuf eine seltsame Atmosphäre der Unwirklichkeit“.

Und hierin scheint auch der Grund zu liegen, warum einige sich einer Elite zugehörig fühlender Politiker, Journalisten und sonstige Meinungsabsonderer der Gesellschaft so leichtfertig und verantwortungslos für eine Kriegstüchtigkeit trommeln. Das Grauen eines Krieges wurde ihnen im Laufe ihres Lebens einfach nicht abschreckend genug vermittelt. Sie geben sich zivilisiert, wollen aber ihre Mitmenschen, nicht sich selber, in die Zeit von Kain und Abel zurückschicken.

Man möchte also einen Krieg führen können. (andere Interpretationen des Wortes „Kriegstüchtig“ sind semantische Taschenspielertricks, denn dann hätte man auch die Bezeichnung „Verteidigungsfähig“ wählen können) Wie anders ist es denn zu verstehen, wenn nicht so, dass man mit der ausufernden finanziellen Ausstattung und den Waffenlieferungen an die Ukraine irgendwie am Krieg beteiligt werden möchte.   

Das Engelchen auf meiner Schulter schwieg. Es merkte wohl zustimmend wie der Ekel in mir aufstieg, je länger mir dieses Wissen durch den Kopf schwirrte. Zu allem Überfluss schossen mir auch meine Reisen durch den Kopf. Besonders die nach Russland und China, bei denen ich fühlte, dass ich nur ein kleiner Teil eines mir in seiner Dimension bis dahin unbekannten, erhaltenswerten großen Ganzen war, und die Idee von Völkerfreundschaft für mich erlebbar wurde. (Mit dem Begriff Völkerfreundschaft hatte ich in meinen jüngeren Jahren bei einer Stippvisite in London so meine Probleme. Die dort offensiv zur Schau gestellte Kriegsverherrlichung und das sich als Märchen entpuppende berühmte Fair Play der Engländer, konnte ich mit meiner Version von Völkerfreundschaft nicht zur Deckung bringen

„Nie wieder Krieg“. Gabs das irgendwann mal?

Wie so vieles von dem das uns zur Sinnfindung anregen könnte, hängt auch das „Nie wieder KriegAnti-Kriegsplakat von Käthe Kollwitz heute im Museum. „Nie wieder Krieg“. Wo ist er geblieben, der Gründungsimpuls der Bundesrepublik?

Dieses Motto, jedoch eingekürzt auf ein „Nie wieder“, wird bestenfalls noch auf Demos gegen beliebig abzulehnendes oder im Kontext der politischen Auseinandersetzung mit der AfD und der ihr unterstellten Hinwendung zum Faschismus genutzt.

Wo sind sie geblieben, die aufrüttelnden Aufrufe wie die im SPIEGEL 1957 zitierte Forderung von Franz-Josef Strauß aus dem Jahr 1949: „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen“. (Zuerst bestätigte FJS das Zitat, danach deutete er es um, um es zuletzt zu dementieren)

Geheimdienst bei Schulstreiks aktiv

Stattdessen werden schon Unter-18-Jährige Schüler vom Verfassungsschutz (dem deutschen Inlandsgeheimdienst) kontaktiert, weil sie sich mit Schulstreiks unter dem Motto „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ gegen Musterung und die immensen Beträge, die gegenwärtig in die Rüstung gesteckt werden, auflehnen. Dieses Geld sollte stattdessen für Bildung und Soziales verwendet werden.

Aktuell wird nach einer Schüler-Demo in Berlin gegen einen 18-Jährigen wegen des Verdachts der Verleumdung von Bundeskanzler Friedrich Merz ermittelt. Er zeigte auf der Demo ein Anti-Merz-Plakat.

Und was macht dieser Friedrich Merz, der Kanzler, mit dessen Arbeit schon 83 Prozent der Deutschen unzufrieden sind. Nach erst einem Jahr im Amt schon der schlechteste Wert, der je im „ARD-Deutschland Trend“ für einen Kanzler gemessen wurde. (Im RTL/ntv-Trendbarometer sind es bereits 85 %)

Nimmt man nun noch die Beliebtheitswerte des Kanzlers und vergleicht sie mit den Werten der Regierungschefs aus 24 Demokratien, verzeichnet Merz -zusammen mit dem französischen Staatschef Emmanuel Macron- die höchste Ablehnungsrate aller Regierungschefs in ihren Ländern. (Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts „Morning Consult“)

Schlechte Stimmung im Land. Wegen Vermittlungsdefizit?

Woran mag das liegen? Liegt es an der von ihm verantworteten Schuldenpolitik bei gleichzeitiger Beschränkungen des Sozialstaats? Dazu eine simultan vorgenommene Erhöhung der Ausgaben für Aufrüstung. Eine Aufrüstung die, materiell wie finanziell- auch die Ukraine miteinschließt. Denn, so Merz bei jeder sich bietenden Gelegenheit, „die Ukraine verteidige auch unsere Freiheit“.

Doch wodurch, oder besser von wem wird „unsere“ Freiheit denn bedroht? „Es steht außer Frage, dass Russland eine unmittelbare Bedrohung für uns darstellt“ verortete Kanzler Merz zuletzt in seiner Rede auf dem Parteitag der schwedischen Konservativen am 9.Mai 2026 in Stockholm diese Bedrohung. Doch diese mit dem Anspruch unbedingter Geltung vorgebrachte Behauptung des „außer Frage Stehens“ ist nicht nur überheblich, sondern kann objektiv betrachtet selbstverständlich in Frage gestellt werden. (Gebt mir zwei Absätze, ich werde dazu gleich noch eingehen)

Betrachtet man sich die Bilder vom extra für die Presse inszenierten Schaulaufen der Protagonisten zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrages (eine nichtjustitiable Vereinbarung zwischen den die Regierung stellenden Parteien über deren Aufgabenstellung in einer Legislaturperiode) sticht besonders die vermutlich als prägnante Kernbotschaft der zukünftigen Regierung gelten sollende Positionierung hervor, die in fetter Schrift an der Stirnseite des Tisches angebracht wurde: Verantwortung für Deutschland“.

Wo ist sie, diese Verantwortung für Deutschland? Wie verantwortlich ist es, der deutschen Bevölkerung ein durch keinerlei Fakten belegtes Bedrohungsszenario vorzugaukeln, damit es eine finanzielle Überdehnung des Staatshaushaltes akzeptiert und so dem Popanz einer Kriegstauglichkeit mit inkludierter Wehrpflicht zustimmt?

Drohnen, überall russische Drohnen

Als Beispiel für das vorspiegeln einer Bedrohungslage (wie immer geht es dabei um die Bedrohung durch die bösen Russen) nenne ich hier die, zwischenzeitlich wieder abgeklungene hysterisch zu nennende plötzliche Häufung an Sichtungen „unbekannter Drohnen“ über der EU und besonders in Deutschland. Unter medialer Hilfe eines sich als Gesellschaftslenker verstehenden Personenkreises wurde jede -auch jede vermeintliche- Drohnensichtung mit dem Zusatz „wahrscheinliche Urheberschaft Russlands“ versehen.

Nur blöd, dass es da Websites wie Drohnewatch.eu gibt. Auf dieser Seite wird jede Meldung zu „Drohnensichtungen“ in der EU dokumentiert und anschließend -auch über einen längeren Zeitraum hinweg- ausgewertet und analysiert. Erkenntnis: „In den meisten Fällen konnte der Einsatz einer Drohne nie bestätigt werden – und handfeste Beweise für einen ausländischen Akteur fehlen fast gänzlich“.

Und doch fehlt in den Einlassungen spezieller politischer Akteure, Institutionen oder Bevölkerungsgruppen, die man unter dem Begriff Aufrüstungsbefürworter subsumieren kann, nie die Erwähnung von „russischen Drohen“ in unserem Luftraum, die die Kriegstüchtigkeit Deutschland und eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben erforderlich machen.

Lügen, überall Lügen

Wo sind wir hingekommen, dass wir der Politik erlauben, uns bei solch existentiellen Sachverhalten anlügen zu dürfen?

All das erzeugt nicht nur Angst, sondern auch schlechte Stimmung im Land.

Wenn wir jetzt gemeinsam raus wollen aus dieser ….. auch … schlechten Stimmung, dann müssen wir gemeinsam fröhlich an die Arbeit gehen“, war neben den vielen für mediale Aufmerksamkeit sorgenden Einlassungen des Kanzlers (hier, hier und hier) einer der weniger Schlagzeilen trächtigen Sätze, die Friedrich Merz am 3. Mai in der ARD-Sendung „Caren Miosga“ ins Studio lächelte.

Nur mit fröhlichem weglächeln (zumal mit diesem hier, hier und hier zu sehendem explizit den Nachrichtenverkäufern vorgegaukelten Impetus) wird man der Wirklichkeit und den Sorgen der Bevölkerung nicht gerecht. ( Ob die hier überraschend fotografierten Regierungsmitglieder das überhaupt erfassen können?)

Nehmt sie aus dem Spiel. Aus dem Spiel um die Macht

Das vom Kanzler mit dem ziemlich schwammig formulierten „wir“ versehene „an die Arbeit gehen“, richtete er hoffentlich auch an sich und sein Kabinett.

Wenn diese „Arbeit“ jedoch von den Angesprochenen nicht von der über alle Bereiche des Regierungshandelns hinweg anzuerkennenden Priorität der „Verantwortung für Deutschland“ verinnerlicht werden sollte. Was dann?  

Dann, und mein Wunsch richtet sich hier an die noch vorhandenen integren in der politischen Klasse, nehmt bitte diesen Kanzler, sein Kabinett und die ekelhaften Kriegstreiber im Deutschen Bundestag in demokratisch legitimer Form aus dem Spiel um politische Macht.

Die Generation meiner Enkel wird es euch danken.

Über Bersch

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