„Falschheit durchdringt den Medienmarkt, und ihr werdet darauf konditioniert, es nicht zu bemerken. Denkt also immer daran, euch zu fragen, wer die Kamera hält, wie diese Person dorthin kam – und warum“.
Diese beiden Sätze sind die Vorwegnahme einer nachfolgenden kritischen Betrachtung zu einem Video, das zeigen soll, wie Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden ein Containerschiff in der Straße von Hormus entern, um es zu beschlagnahmen.
Ich habe sie einer eigenen, völlig anders gelagerten Beobachtung vorangestellt, die mich seit Jahren umtreibt und gewaltig aufregt. Auch dabei geht es um Dokumentation, jedoch aus einem anderen Spielfeld: Dokumentationen aus der Welt des Bergsteigens.
In der von mir geschilderten Beobachtung geht es nicht, wie im danach beschrieben Fall der Revolutionsgarden, um gestellte, sondern um die grundsätzlich in Dokumentationen nachrangig bewertete Leistung des/der Kameramanns/frau fesselnde, emotionale Aufnahmen zu produzieren.
Derlei Bergsteigerfilme drehen sich prinzipiell um einen oder mehrere darin abgebildete Protagonisten, um sie auf dem meist beschwerlichen Weg auf einen Gipfel zu begleiten. Da diese Dokumentationen i. d. R. nur mehr fürs Fernsehen produziert werden, setzt man in den Anstalten beim Produzieren mehr auf den Idealismus des visuell Verantwortlichen, denn auf personelle Ausstattung eines Kamerateams.
Anstieg, Felswände und schlussendlich das Erreichen des Gipfels werden in abwechslungsreichen Perspektiven gezeigt, von unten, oben oder seitlich gefilmt. Vor allem aber bleibt die Kamera immer nahe am Geschehen um die Strapazen der/des Protagonisten vermeintlich miterleben zu können.
Würde man nun eine Dokumentation über diese Dokumentation zu Gesicht bekommen, würde man plötzlich das wirklich strapaziöse hinter diesen Aufnahmen sehen können. Nicht der Protagonist, um den sich alles in diesen Dokumentationen dreht, wäre der Held des Filmes. Nein, die Person mit der Kamera (und in etwas abgeschwächter Form auch sein möglicher Assistent) wäre die Hauptfigur.
Das ginge schon beim Anstieg auf den Berg los. Irgendwie geht’s dabei immer über ansteigende Wiesen, durch Wälder und endet vorerst am Einstieg an einer mehr oder minder schwierigen Felswand. Bis dahin ist die Person mit der Kamera (nachfolgend spreche ich nur noch von einem Kameramann) die Strecke die der Protagonist zurücklegte bereits mindestens 2-3-mal gelaufen. Übersichtstotale, Halbtotale von vorne und hinten und aus der Vogelperspektive. Überall dort, wo der Protagonist erst hinkommen wird, steht oder war der Kameramann bereits.
Schickt sich der Protagonist an in die Felswand einzusteigen, hängt der Kameramann bereits über ihm in der Wand. Verändert dabei ständig seine Position um den nun kletternden Protagonisten mal auf Augenhöhe, in Großaufnahme, in der Auf- oder Untersicht oder anderen Einstellungen abzulichten. Im günstigsten Fall hängt der Kameramann am Sicherungsseil seines bereits vorausgekletterten Assistenten. Ohne Assistent wäre er neben dem positionieren und der Wahl eines guten Blickwinkels zusätzlich für seine Sicherung verantwortlich.
Spätestens nach diesen Schilderungen dürfte klar sein: Die unterschiedlichen Blickwinkel und notwendigen Einstellungen die eine gekonnte Dokumentation von einem lahm abgefilmten „Schau mal, da klettert einer“ unterscheiden, sind nicht an den Handlungen des Protagonisten, sondern an der für den Zuschauer nicht sichtbaren Anstrengung und Mühsal des Kameramanns festzumachen.
Wenn dann noch in diversen Dokumentationen (Bergsteigerfilme wären hier die Ausnahme) eine sich durch die Dokumentation labernde wichtigtuerische Person immer wieder formatfüllend ins Bild drängt, bin ich endgültig bedient. Zusatzinfos, die besser aus dem Off gesprochen wären, müssen, so scheint man beim ÖRR zu denken, unbedingt auch ein Gesicht dazu haben. Und so labern sich in Selbstvermarktungsabsicht vorrangig diverse Frauengesichter in gefühlt jeder zweiten Einstellung durch fast alle als Dokumentationen daherkommende Infosendungen. So werden wir in unseren Sehgewohnheiten konditioniert, unwichtiges (Person) vom wichtigen (Inhalt) nicht mehr unterscheiden zu können. Aber dieses Detail ist nur eine allgemeine Beobachtung und hat mit meiner oben geschilderten Beobachtung nur am Rande zu tun.
Soweit die Vorrede mit meiner Beobachtung zu den wirklich wichtigen Personen (Kameramann) bei Dokumentationen und der Art wie wir diese Dokumentationen sehen.
Bei der Eingangs angerissen Dokumentation über das Entern eines Containerschiffes durch die iranischen Revolutionsgarden stellt sich nun ebenfalls die Frage nach unseren Sehgewohnheiten.
Können wir nachgestellte Handlungen überhaupt von realistischen Handlungen unterscheiden? Ja, wir könnten! Selbst wenn sie Videos von Nachrichtenagenturen betreffen. Wir müssten nur unsere Sehgewohnheiten hinterfragen.
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