Vorzeigefiguren des Demokratietheaters fallen plötzlich aus der Rolle.

Bei Regierungskurs bestätigenden Parlamentsdebatten, Talkshow- oder sonstigen Fernsehauftritten wünschte man sich bei manchen Vorzeigefiguren des Demokratietheaters ein plötzliches Innehalten im Rollentext des gerade aufgeführten Stücks.

Um anschließend, nach Art des alten Wiener Volkstheaters im Stile von Ferdinand Raimund und Johann Nestroy plötzlich aus seiner Rolle herauszutreten, um mit einer Improvisation, einem sogenannten Couplet, unumwunden den Bürgern seine innere Veranlassung und die dahinter liegenden, eigentlichen Beweggründe für die in seiner Rolle so vehement vorgebrachten Sichtweisen zu enthüllen. Er müsste das weder in Reimform, noch, wie im Theater üblich, in Form eines Liedes tun. Die ungeschminkte Wahrheit würde vollkommen reichen!  

„Das was ich hier so sage denke ich nicht wirklich. Doch wenn ich keine steilen Thesen mehr vertreten würde, wäre ich weg aus der öffentlichen Wahrnehmung“ bekäme man womöglich zu hören. „Ich sage das doch nur, um meinen Posten behalten zu können“, oder, „wenn ich hier meine ehrliche Sichtweise vertreten würde, könnte ich ein zukünftiges Mandat vergessen“ dürfte womöglich ein weiteres Eingeständnis sein.

Bis auf äußerst seltene Ausnahmen werden derlei Offenbarungen wohl nur naive Wunschvorstellungen bleiben. Denn die „sozialen Kosten“ für derart offenherzige Eingeständnisse dürften sich bis zur Existenzgefährdung anreichern. Schon Johann Nestroy wurde wegen verbotenem „Extemporierens“, dem vortragen von Stegreiftexten, die er in seinen Aufführungen zusätzlich zum von der Zensur genehmigten Textbuch vortrug, zu mehreren Tagen Haftstrafe verurteilt. 

Als aktuelles, jedoch seltenes Eingeständnis für „Ich habe mich verkauft“, könnte man hier die Einlassung der SPD-Abgeordneten Rasha Nasr anführen.

Nasr hatte, obwohl sie das Gesetz „inhaltlich für falsch“ hielt, aus „Respekt vor den Koalitionsverhandlungen“ am 27. Juni 2025 im Bundestag für die Aussetzung des Familiennachzugs für Menschen mit subsidiärem Schutzstatus gestimmt. „Es war ein Fehler, zuzustimmen, weil ich mich selbst verkauft habe“, räumte sie am 5. Dezember in einem Interview mit der „Freie Presse“ ein.

Ein seltenes Eingeständnis wohlgemerkt. Doch es zeigt, dass die „Heile-Welt-Naivitäts-Fehler“, die wir nur zu gerne begehen, aufgelöst werden könnten.

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